Liebe Brieftaubenzüchter, dieser Brief richtet sich nicht an alle von euch. Denn es gibt sie, die Menschen, die ihre Tauben lieben, sie achten und alles dafür tun, dass sie gesund nach Hause kommen. Euch gilt mein größter Respekt. Danke, dass ihr zeigt, dass Verantwortung und Tierliebe auch im Brieftaubensport ihren Platz haben. Doch leider gibt es auch die andere Seite. Ich bin Pflegestelle für Tauben. Für Wildtauben, Stadttauben, Ziertauben und Brieftauben , für mich macht das keinen Unterschied. Jede einzelne Taube ist ein Lebewesen. Jede einzelne empfindet Angst, Hunger, Schmerz und Erschöpfung. Wenn mir eine Brieftaube gebracht wird, melde ich sie sofort. Ich suche den Kontakt zum Züchter, erkläre den Gesundheitszustand und biete an, sie erst einmal aufzupäppeln, wenn sie geschwächt oder verletzt ist. Ich bezahle das Futter, den Tierarzt und die Medikamente aus eigener Tasche. Nicht, weil ich muss. Sondern weil ich nicht wegsehen kann. Ich möchte nichts dafür haben. Nur eines: dass diese Taube leben darf. Und trotzdem frage ich mich immer wieder: Warum? Warum sitzt eine Brieftaube erschöpft in einem fremden Garten, sucht die Nähe zum Menschen und bittet damit förmlich um Hilfe – und am anderen Ende des Telefons heißt es nur: „Stellen Sie ihr Wasser hin, sie fliegt gleich weiter.“ Oder: „Setzen Sie sie einfach irgendwo hin, sie braucht nur zwei Stunden.“ Nein……. Eine Taube, die sich einem Menschen anvertraut, macht das nicht, weil sie gerade eine kleine Pause einlegen möchte. Sie ist in Not. Sie ist vom Weg abgekommen, verletzt, entkräftet oder völlig orientierungslos. Sie braucht Hilfe, keine Ausreden. Ich bin in dieser Gruppe, weil ich eure Erfahrungen und eure Tipps schätze. Ich lese Beiträge von Züchtern, die ihre Tauben bei schlechtem Wetter nicht fliegen lassen, weil ihnen das Wohl ihrer Tiere wichtiger ist als jeder Wettkampf. Das berührt mich. Es zeigt, dass Tierliebe möglich ist. Doch dann lese ich Kommentare, bei denen mir das Herz zerbricht. Kommentare, die den Eindruck vermitteln, dass eine Taube nur so lange etwas wert ist, wie sie Leistung bringt. Und genau das kann und will ich nicht verstehen. Ich liebe Tauben. Ich würde für sie mein letztes Hemd geben. Egal welche Art. Jede Taube, die zu mir kommt, bekommt eine Chance. Sie bekommt Futter, medizinische Versorgung, Zeit, Geduld und Liebe. Nicht, weil sie etwas geleistet hat. Sondern weil sie lebt. Und dann passiert etwas, das ich bis heute nicht begreifen kann. Ein Züchter holt seine Taube bei mir ab. Gesund gepflegt. Versorgt. Flugfähig. Keine 100 Meter weiter wird genau diese Taube tot in einer Biotonne gefunden. Das Bein mit dem Verbandsring wurde abgeschnitten. Warum? Welche Schuld hatte dieses Tier? Hat es sich verirrt? War es nicht schnell genug? Hat es den falschen Wettflug verloren? Oder war sein Leben einfach nichts mehr wert? Ich bekomme auf diese Fragen keine Antwort. Genauso wenig verstehe ich, warum Tauben ausgesetzt werden, wenn jemand aus Altersgründen oder wegen Krankheit nicht mehr weitermachen kann. Warum bittet man nicht um Hilfe? Warum überlässt man die Tiere ihrem Schicksal? Wir Pflegestellen sind da. Wir versuchen aufzufangen, was andere zurücklassen. Wir suchen neue Zuhause, obwohl unsere Volieren längst überfüllt sind. Wir kämpfen jeden Tag um Leben, die andere längst aufgegeben haben. Ja, auch unter Pflegestellen gibt es schwarze Schafe. Das will ich gar nicht bestreiten. Aber auch unter Züchtern gibt es Menschen, deren Umgang mit ihren Tieren mich fassungslos macht. Dieser Brief ist kein Angriff. Er kommt aus tiefstem Herzen. Ich möchte verstehen, warum manche Tauben geliebt werden und andere einfach entsorgt. Ich möchte verstehen, warum ein Tier, das jahrelang seinem Menschen vertraut hat, plötzlich keinen Wert mehr besitzt. Und ich wünsche mir, dass jeder, der Brieftauben hält, sich eine einzige Frage ehrlich beantwortet: Liebst du deine Tauben wirklich – oder liebst du nur ihre Leistung? Denn wenn wir Tiere nur dann achten, solange sie uns einen Nutzen bringen, dann haben wir den eigentlichen Wert eines Lebewesens längst vergessen. Jede Taube kämpft um ihr Leben. Sie fliegt nicht für sich. Sie fliegt für den Menschen. Und genau deshalb hat sie es verdient, dass auch der Mensch für sie kämpft, wenn sie einmal nicht mehr nach Hause findet. Liebe Grüße. Sarah Hu am 11.07.26
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